In vielen Programmen ist es notwendig Objekte anzuzeigen und auszuwählen. Das einfachste Beispiel kennt jeder – die klassische Dateibrowser im Betriebssystem. Nachdem diese schon viele Jahre existieren, sind die auch ausgereift und bieten die ideal Interaktion. So denken wir. Vieles ist aber nur Gewohnheit und und so manche Eigenart führt bei neuen Nutzern zu Fehlern in der Bedienung. Ein paar dieser Kuriositäten im Finder von macOS zeigen wir in diesem Beitrag auf und auch, wie man sie umgeht.

Hover-Effekt

Der Finder zeigt keinen Hover-Effekt, wenn der Anwender mit dem Mauszeiger über eine Datei schwebt. Dieses kleine Feature scheint im ersten Moment auch nicht zu wichtig zu sein. Ist doch die Position der Datei eindeutig sichtbar und der Nutzer sieht doch, wenn der Mauszeiger über der Datei ist. Das ist auch richtig für die meisten Dateien. Aber sehen wir uns mal folgenden Spezialfall an.


Drei Dateien im macOS Finder.

Die drei Dateien liegen nebeneinander im selben Ordner und haben auch die gleiche maximale Symbolgröße. Aus der Annahme, dass auch die Interaktionsbereiche gleich groß sind würde sich folgendes Bild ergeben.


Die drei Dateien mit dem markierten Auswahlbereich, wenn dieser bei allen gleichmäßig groß wäre.

Was aber passiert wirklich, wenn der Anwender in diese Bereiche klickt? Schauen wir uns ein Video dazu an.

Wie im Video zu sehen ist, muß ein Klick direkt auf die Datei oder die Beschriftung erfolgen um das Objekt auszuwählen. Was im normalen Alltag keine großen Probleme bereitet, wird bei spezifischen Dateien, wie der Präsentation oder Webseite, schwieriger. Hier würde ein Hover-Effekt definitiv eine Auswahl erleichtern. Besonders zu beachten ist, selbst die kleine Ecke oben rechts des Dateisymbols von »profile.pdf« ist ein Bereich in dem Datei nicht ausgewählt werden kann. 

Listen

Eine alternative Darstellung der Dateien im Finder sind die klassischen Listen, wie in der folgenden Abbildung dargestellt.

Dateien im macOS Finder als Liste dargestellt.
Dateien im macOS Finder als Liste dargestellt.

Ersichtlich wird auf den ersten Blick, wie wichtig die Höhe der einzelnen Zeilen ist. Nach Fitts' Law wird es für den Nutzer schwieriger eine einzelne Zeile zu selektieren, je schmaler diese ist.

Diese verhalten sich in der Interaktion eindeutiger. Jede Zeile, die geklickt wird, ist auch direkt selektiert. Etwas uneindeutiger wird es schon wieder bei der Mehrfachselektion. Während ein Ziehen des gedrückten Mauszeigers in einem leeren Bereich der Liste zur gewünschten Mehrfachselektion führt, ändert sich das Verhalten, sobald Text oder das Objekt-Symbol unter dem Mauszeiger sind.

Wie im Video zu sehen, wird das Objekt automatisch selektiert und verschoben. Problematisch ist hier die uneinheitliche Länge der Dateinamen. Der Interaktionsbereich ändert sich entsprechend in jeder Zeile.


Die Dateien als Liste mit den Interaktionsbreichen für die Auswahl einer Datei markiert. Es wird ersichtlich, wie stark der Bereich von der länge des Dateinamens abhängig ist.

Besser wäre es hier die Interaktion über die gesamte Zeile zu vereinheitlichen oder für den Interaktionsbereich eine feste Größe festzulegen. In der Dateiliste könnte das zum Beispiel das Icon der Datei sein. Diese sollten aber eine Mindestgröße haben, damit der Nutzer sie schnell auswählen kann. So wäre die Interaktion zumindest gleichmäßig. Ohne eine offensichtliche visuelle Differenzierung ist sie aber noch nicht intuitiv.

Mehrfachauswahl

Bei der Mehrfachauswahl zeigt sich eine weitere Inkonsistenz zwischen den Ansichten im macOS Finder. Selektiert man eine Datei, drückt die Command-Taste (früher -Taste) und wählt eine zweite Datei aus, sind sowohl in der Icon-Ansicht, als auch in der Listen-Ansichten genau diese beiden Dateien ausgewählt. Wird jetzt zwischen der Selektion der beiden Dateien die Shift-Taste gedrückt, so werden in der Listen-Ansicht auch die Dateien dazwischen ausgewählt. In der Icon-Ansicht hingegen gibt es keinen Unterschied zwischen den beiden Tasten. Hier wäre es besser wenn sich der Finder in jeder Ansicht gleich verhalten würde.

Dann lieber ein Alternative im eigenen Programm?

Wer sich jetzt denkt es wäre einfacher einen eigenen Dateibrowser zu entwickeln und in sein Programm zu integrieren sei aber auch davor gewarnt. Zum Vergleich wollen wir uns die Dialoge zum Öffnen einer Datei in den drei Bildbeabreitungsprogramme Affinity Photo, Gimp, und Photoshop ansehen.

Datei öffnen in Affinity Photo
Affinity Photo (1.7.1) bietet komplett die gleiche Ansicht wieder der macOS Finder. Hier braucht der Anwender sich nicht umzugewöhnen.

Datei öffnen Dialog von Photoshop
Photoshop (20.0.5) bietet fast die gleiche Ansicht wie der Finder. Hier wird das Dunkle Theme von macOS nicht aufgegriffen. Wahrscheinlich fehlt hier aber nur ein kleines Update

Datei öffnen Dialog in Gimp
Gimp (2.10.10) zeigt einen komplett anderen Dialog. Der Anwender muß sich neu zurecht finden und mühsam unbekannte Funktionen erlernen.

Affinity Photo und Photoshop nutzen beide den Datei-Browser des Betriebssystems. Dem Anwender ist sofort klar wo er welche Bedienelemente findet und er wird sich schnell zurecht finden. Gimp hingegen bau ein komplett neues Interface mit einer anderen Struktur auf. Gravierend für viele Anwender kann dabei sein, dass die »Tags« aus dem Finder nicht unterstützt werden. Diese finden sich bei dem Dialog von Affinity Photo und Photoshop links oben an der Seite.

Auch wenn der Finder nicht alles perfekt macht, ist es also nicht besser dem Anwender ein komplett ungewohnten Dialog anzubieten. Denn Fehler hat jeder, aber mit den bekannten kann man besser umgehen.

Zusammenfassung & Empfehlung

Was solltet ihr aus dieser Betrachtung mitnehmen und besser machen.

Checkmark

Immer dann wenn es nicht eindeutig ist, wo ein Objekt und seinen Interaktionsbereich beginnt, sollten mit Hover-Effekten gearbeitet werden.

Checkmark

Die Interaktion sollte über den gesamten Bereich eines Objektes gleich sein. Ist sie verschieden kann dies den Anwender verwirren.

Checkmark

Objekte die ausgewählt werden können müssen eine Mindestgröße aufweisen, damit sie einfach und schnell selektierbar sind.

Checkmark

Als Standard bei hat sich die selektive Mehrfachauswahl mit CMD (macOS) oder Ctrl (Windows/Linux) herausgebildet.

Checkmark

Bei einer Mehrfachauswahl mit Shift sollten auch die Elemente dazwischen ausgewählt werden, sofern diese zu definieren sind.

Checkmark

Wenn möglich sollten Systemeigene Komponenten verwendet werden. Die sind bekannt und wenn mal ein Update erfolgt, hat man dieses gleich integriert.