Im letzten Artikel bin ich darauf eingegangen worin sich die quantitative und die qualitative Nutzerstudie unterscheiden und wann welche am besten angewendet wird. In dem heutigen Artikel möchte ich Tips für die quantitative Nutzerstudie geben. Wir beginnen mit ihr, weil sie auch im Entwicklungsprozess für ein Neuprodukt meist als erste erfolgt.

1. Das Ziel ist das »Warum«

Ziel einer qualitativen Nutzerstudie ist es immer die Bedürfnisse eines Nutzers herauszufinden. Dazu gibt es ein sehr berühmtes Beispiel. Henry Ford soll einmal gesagt haben: »Wenn ich die Menschen gefragt hätte, was sie wollen, hätten sie gesagt schnellere Pferde.« Das Bedürfnis der Nutzer waren also gar nicht schnellere Pferde, sondern eine schnellere Reise. Da Pferde in ihrer Geschwindigkeit begrenzt sind, musste hierfür ein anderes Mittel – in Form des Autos – gefunden werden.

2. Alternativen evaluieren und hinterfragen

Das Beispiel von Henry Ford zeigt auch gleich einen zweiten wichtigen Punkt in der qualitativen Nutzerstudie. Den Menschen ging es nicht nur um die schnellere Art des Transportes. Das wäre auch mit der Eisenbahn möglich, die damals schon ein weites Streckennetz hatte. Sie wollten ebenso ungebunden reisen. Wir UX-Researcher müssen also auch hinterfragen warum (existierende) Alternativen nicht angenommen werden.

3. Die eigene Meinung ignorieren

Das ist nicht einfach. Eigentlich sogar unmöglich. Niemand kann seine eigenen Ideen und Vorlieben einfach unterdrücken. Deswegen müssen wir sehr darauf achten die Studienergebnisse nicht dadurch zu verfälschen. Zum einen kann dies schon in der Gestaltung der Studie passieren. Indem zum Beispiel nur bestimmte Lösungen zur Auswahl gestellt werden. Zum anderen können aber auch Antworten verschieden interpretiert werden. Einen ersten Schritt haben wir bereits im Artikel 1 zu den Nuterinterviews beschrieben, indem die eigenen Hypothesen aufgeschrieben werden. Hilfreich ist es auch die Vorbereitung und Analyse immer von einer zweiten Person bewerten zu lassen.

4. Die Zielgruppe definieren

Eine qualitative Nutzerstudie ist sehr aufwendig. Zum Teil so sehr, dass nur eine kleine Nutzergruppe befragt werden kann. Entsprechend zielgenau muß diese Studiengruppe ausgewählt werden. Es bringt nichts, Personen, die keinen Kaffee trinken über ihren Prozess zum Kochen von Kaffee zu befragen.

5. Die Zielgruppe nicht zu klein machen

Das klingt erstmal gegenteilig zu dem Punkt davor. Aber hat einen ähnlichen Hintergrund. Wenn nur wenige Personen befragt werden müssen, sollten diese wie vorher beschrieben als Zielgruppe interessant sein. Sie sollten aber ebenso ein möglichst breites Spektrum der Zielgruppe abbilden. Bleiben wir bei dem Kaffee-Beispiel aus Punkt 4. Wir befragen als nur Kaffeetrinker zu ihrer Zubereitungsart und wollen eigentlich eine neue Kaffeemaschine entwicklen. Dann sollte die Studiengruppe möglichst sowohl Bialettinutzer, als auch Maschinennutzer, ebenso wie Espresso-Kocher-Nutzer beinhalten. Nur so können wir die Paint-Points und Bedürfnisse aller Nutzer-Spektren erfragen.

6. Flexibel sein

Im Laufe einer qualitativen Nutzerstudie werden die Antworten immer wieder neue Fragen aufwerfen. So kann sich der Zielraum der Studie immer wieder neu verschieben. Die Studie muß dementsprechend angepasst werden. Es kann sogar passieren, dass sich die ursprüngliche Fragestellung komplett ändert. Das sollte dann nicht als Fehler, sondern als Bereicherung für das Projekt angesehen werden.

7. Anforderungen definieren und dokumentieren

Eine gute Studie bringt nichts, wenn die Ergebnisse am Ende im Nichts verschwinden. Es müssen also Nutzeranforderungen definiert werden. Diese sollten gleichmäßig und stringent geschrieben werden. Jede Anforderung muß als einzelner Satz geschrieben werden. Anschliessend muß eine Verknüpfung mit der Quelle hergestellt werden. Gleich, ob dies ein Interview, eine Umfrage, oder Ähnliches war. Nur so kann später zurückverfolgt werden, woher diese Anforderung kommt.

8. Werkzeuge und Prozesse kombinieren

Wie im vorherigen Punkt beschrieben muß jede Nutzeranforderung gut dokumentiert werden. Dazu gibt es eine ganze Reihe von Tools auf den Markt. Bekannte Beispiele sind Confluence, Jira, und Polarion. Sie alle erfüllen ihre Aufgabe und alle auf verschiedene Art und Weise. Welches Tool für euch das richtige ist, hängt meist vom Prozess ab. Oft wird es aber auch vom Auftraggeber vorgegeben. In dem Fall kann es notwendig sein, den Prozess auf das Werkzeug anzupassen. Wir hoffen diese Tips helfen Ihnen die nächste qualitative Nutzerstudie optimal vorzubereiten. Wenn Sie noch Fragen oder Anregungen haben, freuen wir uns über Ihre Kommentare.